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Donnerstag, 9. Juni
2005 |
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Sindelfingen:
Schaubühne präsentiert unter der Regie Jürgen von Bülows „Wankelmut
der Liebe" des Franzosen Marivaux im Theaterkeller
Kein
Platz für emotionale Nuancen |
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Von unserem Mitarbeiter Matthias
Staber |
Da ist noch alles in Butter bei Marivaux: Die
Landschönheit Sylvia (Belinda
Grimm) und der aufrechte Ehrenmann Arlequin (Frithjof Künzel) beim
amourö-sen Tête-à-Tête im Sindeffinger
Theaterkeller, |
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Einem Lustspiel aus dem Jahre 1723 vergnügliches Leben einzuhauchen gelingt der Sindelfinger Schaubühne in ihrer neusten Produktion: Das Amateurensemble zeigt unter der Regie von Jürgen von Bülow das Stück Wankelmut der Liebe - Verführbarkeit auf beiden Seiten" des Franzosen Pierre Carlet de Chamblain de Marivaux im Sindelfinger Theaterkeller.
Das weniger Vergnügliche vorneweg:
Einige Texthänger und Verhaspler trüben am Premierenabend im
Theaterkeller das Lustspielvergnügen bei „Wankelmut der Liebe" ein
wenig. Doch das kann locker unter Premierenaufregung abgehakt werden:
Bei der vorherigen Presseprobe war von Textunsicherheiten nichts zu
spüren gewesen.
Vor allem hat der Zuschauer bei
„Wankelmut der Liebe" eine Menge Spaß. Jürgen von Bülow und die
Darsteller (Belinda Grimm, Jens Reinheimer, Frithjof Künzel, Volker
Bönisch, Gisela Samesch, Katrin Schwarz, Martin Müller, Petra Wächter,
Johanna Strobel, Ylva Brinker) arbeiten mit spielerischer
Zielsicherheit die komischen Momente des Textes heraus.
Und das ist nicht ganz einfach,
wirkt das Lustspiel auf heutige Ohren doch teils sprachlich reichlich
sperrig. Darin entführt ein Landesfürst (Volker Bönisch) die
Landschönheit Sylvia (Belinda Grimm) an seinen Hof, um sie von ihrem
Geliebten Arlequin (Frithjof Künzel) loszueisen. Zentraler Motor der
in der Schaubühnen-Aufführung gut zweistündigen Handlung ist der
intrigenreiche Versuch, das Liebespaar vom Land einander zu
entfremden und deren Liebe zu zerstören, um freie Bahn zu schaffen für den
Heiratswunsch des Fürsten.
Dieser Handlung gemäß ist in den
Dialogen des Stücks reichlich von der Liebe die Rede. Es purzelt kaum
ein Halbsatz über die Bühne, in dem es nicht Vokabeln aus dem Wortfeld
„Liebe", „verlieben", „geliebt" hagelt. Mehr noch: Die Figuren
scheinen in einem binären System zwischen „lieben" und „nicht lieben"
gefangen, für emotionale Nuancen dazwischen ist in Marivaux' Stück
kein Platz. Keine leichte Aufgabe, daraus etwas für heutige Ohren
Vergnügliches zu zaubern. Denn genau dies ist der Anspruch Jürgen von
Bülows, der auf die Aktualität des Stücks pocht.
Den Schwerpunkt seiner Inszenierung
legt von Bülow auf das Nebeneinander von echten Emotionen und verlogenem
Intrigengeplänkel, das Marivaux in den Dialogen angelegt hat.
Und indem die Darsteller diesen Ansatz überzeugend und in
ordentlichem Tempo umsetzen, öffnen sie das Stück für heutige
Zuschauer und geben ihm reichlich Komik mit. So quittiert das
Premieren- |
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publikum zahlreiche Dialoge mit
spontanem Szenenkichern, was den Erfolg dieser Herangehensweise
dokumentiert.
Lisette als Paraderolle
Am eindrücklichsten setzt dieses
Konzept Katrin Schwarz mit ihrer Figur Lisette um. Angewiesen, durch
dreiste Anmache das Herz Arlequins auf Abwege zu führen, findet sich
Lisette unverhofft in der Rolle der verschmähten und verachteten
Hofschlampe wieder. Dem braven Naivling vom Land ist es einfach
zuwider, wenn Mädels die Initiative ergreifen.
Vom verführerischen Augenaufschlag
über stichelnde Spötterei bis hin zum niedergeschlagenen
Selbstzweifel gibt Schwarz ihrer Lisette die komplette Bandbreite an
Verhaltensmustern mit, die es braucht, um von Bülows Konzept von der
Verzahnung |
von brodelnder Emotion und kalter
Intrige für den Zuschauer lebendig werden zu lassen: Schon allein
diese Figur zu erleben, macht Laune.
Die meisten Publikumslacher kann
der von Frithjof Künzel dargestellte Arlequin verbuchen. Und in der Tat
gibt Künzel den zunächst moralisch gefestigten Naivling vom Lande, dem
höfische Sitten suspekt sind, überzeugend. An einigen Stellen schießt die
Ironisierung, die Künzel seiner Figur mitgibt, jedoch über das Ziel
hinaus. An diesen Stellen wirkt Arlequin wie ein trotziges Kind, das Fuß
stampfend Erwachsenen Paroli bietet, und nicht wie ein
aufrechter Ehrenmann vom Land, der in höfischen Intrigen
zermahlen wird.
Vergessen ist all dies spätestens
in einer der stärksten Szenen des Stücks, dem Aufeinandertreffen des
Fürsten (Volker Bönisch) |
und Arlequin in einem fintenreichen
Dialog, der noch einmal exemplarisch gerissene Lügen.und warmes
Mitgefühl nebeneinander stellt, und nebenbei im Handstreich Sympathie
bei den Zuschauern für die Figuren weckt.
Eine erzählenswerte Geschichte
unterhaltsam auf die Bühne bringen möchte Jürgen von Bülow mit
seiner Inszenierung von „Wankelmut der Liebe". Das ist ihm gelungen,
und das erste Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen ihm und der
Sindelfinger Schaubühne wirklich sehenswert.
■ Weitere Aufführungen um 20 Uhr im Sindelfinger Theaterkeller gibt es am 10., 11., 12., und 13. Juni. Weitere Informationen unter www.schaubuehne-sindelfingen.de im Internet. Karten beim i-Punkt unter Telefon 0 70 31/94 325 oder 94 777. |
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