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Literaturnobelpreis für Dario Fo

"Dramatiker des Volkes" - Immer wieder provoziert und angeeckt

Frankfurt/M (AP) - Für Überraschungen war das Stockholmer Literatur-Nobelpreiskomitee schon immer gut. Die seit Jahren als potentielle Kandidaten für die höchste literarische Auszeichnung gehandelten Autoren gehen meist leer aus. So auch am Donnerstag: Mit der Wahl des italienischen Dramatikers Dario Fo hatte wohl niemand gerechnet. Den 71jährigen als unkonventionell zu bezeichnen, wäre untertrieben. Seine von bissiger Satire und tagespolitischen Bezügen durchsetzten Komödien waren nicht nur der katholischen Kirche und dem italienischen Staat immer wieder ein Dorn im Auge.

Weitere Nobelpreise 1997

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  • "Die Mischung von Lachen und Ernst ist sein Mittel, um Übergriffe und Ungerechtigkeiten der Gesellschaft deutlich zu machen, aber auch um diese in eine größere Perspektive zu rücken", heißt es in der Würdigung der Schwedischen Akademie. Der Dramatiker, Schauspieler und Regisseur, zu dessen bekanntesten Werken das Theaterstück "Bezahlt wird nicht!" zählt, sei ein seriöser und vielseitiger Satiriker, der durch seine Selbständigkeit und seinen Scharfblick viel riskiert und auch die Konsequenzen daraus habe tragen müssen. Fo habe "in der Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler die Macht gegeißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wiederaufgerichtet", hieß es in Stockholm. Der schwedische Literaturkritiker Björn Linnell bezeichnete ihn als "Dramatiker des Volkes".

    Debüt als Schauspieler

    Fo wurde am 24. März 1926 in San Giano am Lago Maggiore geboren. Sein Vater war Eisenbahner, seine Mutter Bäuerin. An der Kunstakademie Brera studierte er Malerei und Architektur. Sein Debüt als Schauspieler hatte er 1952 am Teatro Odeon in Mailand. Zusammen mit Kollegen spielte er in den kommenden Jahren politisch-satirische Revuen, bis sich die Gruppe nach einem Aufführungsverbot auflöste. Fo begann, zusammen mit seiner Frau Franca Rame Stücke zu schreiben, mit der er seit 1954 verheiratet ist. Später gründete das Paar eine gemeinsame Theatergruppe.

    Den internationalen Durchbruch schaffte Fo 1960 mit dem Stück "Die Erzengel spielen nicht Flipper". Zwei Jahre später übernahm er die Moderation der Fernsehsendung "Canzonissima", die nach weiteren zwei Jahren wegen ihres "Skandalprogramms" wieder abgesetzt wurde. Fo durfte nicht mehr im italienischen Fernsehen auftreten. Dagegen strengte er einen aufsehenerregenden Prozeß an, den er 1974 in letzter Instanz verlor.

    Ideologische Streitereien

    Von 1968 bis 1970 leitete Fo mit Unterstützung der italienischen Kommunisten die Theaterkooperative "Nuova Scena", die aber an ideologischen Streitereien zerbrach. Daraufhin gründete er das Theaterkollektiv "La Comune", das sich schließlich sogar ein festes Haus erkämpfte. Es gelang ihm, ein massenwirksames Volkstheater zu entwickeln. Er ermutigte dazu, sich außerhalb der Theater-Institutionen zu bewegen, und auch die Entwicklung freier Theatergruppen im Deutschland der 70er Jahre ist auf entscheidenden Einfluß Fos zurückzuführen.

    Mehrmals auf offener Bühne verhaftet

    Fos Theater propagierte das "Theater der großen Provokation". Immer wieder wurde er in Prozesse verwickelt, mehrmals sogar auf offener Bühne verhaftet. Mit seinem politischen und kulturellen Engagement ließ er keine Gelegenheit aus, sich mit dem Staat und seinen Institutionen und auch dem Vatikan anzulegen. Auch im Ausland stieß Fo auf Skepsis. 1980 verweigerten die USA ihm die Einreise zu einem Gastspiel, weil er der Häftlings-Hilfsorganisation "Soccorso Rosso" angehörte.

    "Die Stärke Fos liegt darin, daß er Texte schafft, die gleichzeitig amüsieren, engagieren und Perspektiven vermitteln", heißt es in der Würdigung der Schwedischen Akademie. Insgesamt schrieb der Dramatiker mehr als 70 Werke, von denen einige aus den Spielplänen der Theater kaum wegzudenken sind. Hervorzuheben sind neben "Bezahlt wird nicht!" (1974) auch "Zufälliger Tod eines Anarchisten" (1970), in dem es um eine Reihe rechtsextremistischer Anschläge geht, für die die Behörden die Anarchisten verantwortlich machten, oder die Verwechslungskomödie "Hupen, kleine Trompeten und Fürze" (1981). Fos jüngstes Werk "Der Teufel mit den Titten" wurde im August in Messina uraufgeführt. Von Sabine Hamacher, Fotos: dpa, AP

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    Letzte Änderung: 10.10.1997 00:02 von aj