Molière und sein Werk
Unsterblich, weil immer noch aktuell, sind die Werke des Dichter-Komödianten aus der Blütezeit des französischen Klassizismus. Seine Absicht war es, sich mit den „lächerlichen Zügen" der Menschheit, den Gebrechen, die alle Welt hat, zu befassen. Scharf beobachtete er die Heuchler, Quacksalber, Geizigen und Erbschleicher und machte sie für das Theater auf angenehme Art spielbar. Er gilt als der Vollender der Charakterkomödie. In seinem letzten Bühnenwerk liefert Molière eine glänzende Satire auf die unzureichende Kunst der Ärzte. Neben Molières Satire auf die Ärzte geht es in diesem Stück vor allem um die Verblendung Argans durch übergroße Eigenliebe (amour-propre) und das Blindsein für die Wirklichkeit sowie für die seelische Lage der anderen.
Molières Helden - ob Argan oder Orgon - leiden unter mehr oder minder schweren psychischen Defekten. Sie sind alle von einem Makel befallen, der ihr natürliches Gleichgewicht ins Wanken bringt und sich ganz komödientypisch als Marotte offenbart; Argan ist krank, weil er glaubt, krank zu sein. Die Komik des Titelhelden besteht in seiner Hypochondrie und dem dümmlichen Vertrauen auf die Kunst der Ärzte, die ihn in Wahrheit keineswegs heilen, sondern nur an ihm verdienen wollen. In der Anfangsszene, die zu den Leckerbissen der Komödientradition zählt, sitzt Argan allein in seinem Zimmer am Tisch und rechnet die Aufstellungen seines Apothekers nach, Zwiegespräche führend über Rezepte, Ver­ordnungen und Rechnungen. Wie ein Schiffbrüchiger paddelt er zwischen reinigenden Einlaufen und beruhigenden Klistieren. Diese Anfangsszene zeigt Argan unmittelbar als Inbild des Stücktitels. Je tiefer er sich in seine Nachrechnungen verheddert, um so deutlicher tritt der Fetischcharakter all jener Medizin zutage, die er wahllos in seinen Leib preßt. „Aber Monsieur Fleurant! Langsam! Langsam! Wenn Sie so mit einem umgehen, will keiner mehr krank sein! Vier Francs tuns auch." In der Tat, Argan will krank sein und bezichtigt all jene der Unvernunft, die diesen Wunsch nicht respektieren. Er ist dem blindwütenden Automatismus von Pillenfresserei und Purgation verfallen. Natur ist zur Unnatur geworden.
Argans Bruder Béralde spielt die Rolle des raisonneur, für gewöhnlich Sprachrohr Molières. Dessen Spott über das Tohuwabohu von Klistieren, Aderlässen und Purgationen begegnet Argan mit der gereizten Frage, was man seiner Ansicht nach tun solle, wenn man krank ist.
„BERALDE: Gar nichts.
ARGAN: Gar nichts?
BERALDE: Nein, gar nichts. Die Natur gewähren lassen, sie bringt von selbst alles wieder in Ordnung. Die meisten Menschen sterben nicht an ihren Krankheiten, sondern an den Medikamenten."
„Natur" gegen „Kultur" lautet das Rezept, das Béralde-Molière dem Hypochonder entgegenhält. Was anderes bleibt Béralde angesichts der erbärmlichen Verkrustung der Medizinwissenschaft, als sich rettend in die „Natur" zu flüchten und dem freien Spiel ihrer Kräfte zu vertrauen?
Molières Sympathie gilt in seinen Werken eindeutig den Dienern. Sie sind es, die die Fäden in der Hand halten und in aller Regel beweisen, was ihren Herren üblicherweise abgeht: Vernunft und gesunder Menschenver­stand. So ist Toinette insgeheim die Lenkerin der Schlacht um Pillen und Klistiere. In der Maske eines Wunderheilers will sie ihren Herrn endgültig von seiner Macke kurieren. Sie rät ihm auch, sich tot zu stellen, um die wahren Gefühle seiner Familie kennenzulernen.
Unterschwellig hat Argan die Zusammenhänge vom Wirken irrationaler Kräfte und der Krankheit erfaßt. Seine Bedenken, ob es nicht gefährlich sein könnte, sich auch nur im Spaß totzustellen, erscheinen im Zeitalter der Vernunft urkomisch und lassen dennoch die irrationalen, geheimen Ängste des Menschen berührend deutlich werden.