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Molière und die Medizin
Molières Satire zielt auf die von
ihm zeitlebens gehaßten Ärzte und ist ein häufig auftauchendes
biographisches Leitmotiv seiner Stücke. Er gießt gleich kübelweise Spott
und Hohn über Denk- und Wurmfortsätze scholastisch-aristotelischer
Provenienz, die fossiliengleich in seine Zeit hineinragen.
Béraldes Haltung atmet den Geist
der Renaissance, deren Lebensfülle vom Reglementierungszwang des
Jahrhunderts der Klassik längst erstickt worden war. Dres. Diafoirus Vater
und Sohn stehen dahingegen bei aller karikaturesken Überzeichnung für eine
Zeit, die der natürlichen Spontaneität und der wissenschaftlichen Neugier
enge Grenzen gesteckt hatte. In allem, was sie tun, sind sie nach
rückwärts orientiert, seien es ihre Therapien, sei es ihre
Rhetorik.
Die Kluft zwischen Vorlage und
Parodie ist nicht so tief, wie man annehmen könnte. Schon 1628 machte der
englische Physiologe William Harvey die fürwahr historische Entdeckung des
Blutkreislaufes und hat diese Erkenntnis auch veröffentlicht. Und doch
wurden an der Sorbonne noch zu Molières Zeiten medizinische Doktorarbeiten
angenommen, die die These erbittert bekämpften und blind der überholten
Autorität des Aristoteles vertrauten. Eine davon stammt von Dr. Thomas
Diafoirus, wie wir von seinem stolzen Vater erfahren: „Aber was mir an dem Jungen am besten gefallt — darin bin ich sein
Vorbild: er hält sich strikt an die Anschauungen
der traditionellen Schule, er hat nie etwas von den angeblich neuen Entdeckungen und Erfahrungen wissen wollen, er hat nie
den Schwindel mit dem Blutkreislauf mitgemacht
und ähnlichen Quark".
Kein Wunder also, daß der
aufgeklärte Molière-Freund Nicolas Boileau, bedeutendster
Literaturtheoretiker seiner Epoche, diesen von echtem Kadavergehorsam
geschlagenen Starrsinn genüßlich auf die Schippe nimmt und dem Blut mit
seinem »Burlesken Erlaß« unter Androhung von Strafe untersagt, weiterhin
im Körper herumzuvagabundieren, widrigenfalls es in vollem Umfang der
Medizinischen Fakultät ausgeliefert werde. |
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