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Gedankensplitter zu den „Irren von
Valencia":
Das Irrenhaus von Valencia gab es
wirklich, und es war zu Zeiten Lope de Vegas eine Berühmtheit, da es sich
durch den vergleichsweise fortschrittlichen Umgang mit geistig Behinderten
von der brutalen Normalität unterschied. Und dennoch - die Realität,
die durchschimmert, ist immer noch grausam genug! Insofern ist dieses
Theaterstück - gerade auch mit seinen Spitzen bzw. seiner
unverblümten Kritik gegenüber den damaligen Therapieansätzen - ein
kulturgeschichtlich beachtenswertes Dokument mit hohem
Wiedererkennungswert.
Sehr beachtlich auch, wie Lope de
Vega den Topos der „Verkehrten Welt" auf das Irrenhaus bezieht: Die Chance
zum Verrückt-Sein wird in dieser Gesellschaft strengster höfischer
Etikette, die vor allem auch der Absicherung der männlichen
Herrschaftsansprüche dienten, von den Frauen als Befreiung von eben
diesen gesellschaftlichen Normen und Zwängen genutzt. Nicht nur die
Damen des Feudaladels werfen ihre Hüllen ab und legen ihr explosives
Gefühlsgemenge aus Liebessehnsucht und Frustration bloß, nein, Lope de
Vega spiegelt dieses Sich-selbst-Entlarven, die Überwindung der
Erstarrung in den eisernen Klammern der gesellschaftlichen Hierarchie,
auch auf der Ebene des einfachen Volkes mit seinen Projektionen und
Sehnsüchten von der Aufhebung der ständischen
Gesellschaftsordnung.
Die Frauen sind die eigentlichen
Heldinnen dieser Komödie; die Männer fuhrt die Verwirrung der Gefühle ins
Chaos, dorthin, wo die Selbstkontrolle versagt, und angesichts des
Abgrundes, der sich ihnen bei der Selbstbetrachtung gelegentlich auftut,
wird ihnen ganz schwindelig.
So pflanzten bereits im
17.Jahrhundert die Dichter der Komödien - lange vor den revolutionären
Aufklärern - in ihre Stücke den Keim des Subversiven.
Ähnlich wie sein englischer
Zeitgenosse spielt Lope de Vega - aus heutiger Sicht -überraschend modern
mit der Verwirrung der Gefühle, doch besitzt er nicht die Kühnheit
Shakespeares, der die Geschlechterrollen radikal in Frage stellte Beiden
gemeinsam ist auch die Wiederherstellung der Ordnung zu Ende des Stückes,
aber ganz so wie vorher finden wir die Welt danach nicht vor: Der Sturm
des Gefühlscha-os ist durch die Gemüter der Protagonisten gebraust, und
Spurenelemente dieser Energie haben sie heimlich aufgehoben - wer weiß, zu
welchem Zwecke...
U.v.d.M. |
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