Samstag, 17. Februar 1990
Kultur
Im Theaterkeller
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Die Mikrobe der menschlichen Dummheit lebt!
Curt Goetz' „Nichts Neues aus Hollywood" mit der VHS-Theatergruppe - Brillante Premiere
SINDELFINGEN. „Nach dem Ge­setz, daß das Mittel gegen eine Krankheit immer dann gefunden wird, wenn sie ihren Höhepunkt erreicht hat, muß heute oder mor­gen die Mikrobe der menschlichen Dummheit gefunden werden. Die Dummheit tot - welch phantasti­sche Perspektive!", so der jüdische Arzt Dr. med. Hiob Prätorius zum ersten Mal am 11. Januar 1934 im Berliner Theater am Schiffbauer­damm. Eine solche Absage an alle Inhalte und Werte des Nationalso­zialismus' konnte Goebbels nicht dulden. Er jagte den „Prätorius"-Vater Curt Götz im Rahmen der Vertreibung aller Intelligenz aus Deutschland davon.
Der ging mit seiner „angetrauten Geliebten" Valerie von Martens nach Amerika, schrieb sich fortan Goetz und zweifelhafte Drehbü­cher für Hollywood und kehrte 1947 um Erfahrungen reicher nach Deutschland zurück. Die Mit­bringsel liegen gebündelt vor als Komödie: „Nichts Neues in Holly­wood". Nun erfreut sich 1990 die „Mikrobe der menschlichen Dummheit" bester Gesundheit. Niemand tut ihr was zuleide. Und niemand käme auf die Idee, das deutsche Einigungsspektakel zu einem bühnenwirksamen Lust­spiel zu verarbeiten.
So griffen denn das Theater an der Volkshochschule, das längst dem Anzug Laienspielgruppe ent­wachsen ist, und sein Leiter Dieter E. Hülle in dieser unserer schwe­ren Zeit auf Curt Goetz zurück. Die Frage nach dem Warum dürfen Gutwillige mit Hülle beantworten: „Weil dieses Stück Rollen enthält, die Spaß machen, und es ein paar erfrischende Wahrheiten enthält." Argwöhnende könnten vermuten: Weil in dieser Komödie die Eitel­keiten wuseln wie derzeit die Poli­tiker in der bundesrepublikani­schen Landschaft. „Er wollte eine Parodie über Hollywood schrei­ben: Es wurde immer Reportage!" Sind bei uns derzeit alle Journali­sten Satiriker?
„Parodieren ist die einzige Mög­lichkeit, um von Hollywood zu er­zählen", muß auch der erfolgreiche Drehbuch-Autor Cliff Clifford er­kennen. Seine Freundin Gwendolin kümmert sich um die Vorberei­tungen zu seinem Geburtstag und beschwört ihren Geliebten, es nicht mit dem Vamp Louella zu treiben. Cliff seinerseits hegt den Verdacht, daß seine Gwen eine Liaison mit seinem Freund Robert, Kameramann und Boyfriend Lou-ellas, pflegt. Regisseur Davenport inszeniert vor „Onkel Toms Hütte" einen Indianerüberfall auf den
deutschen Diplomaten Dietz von Dingelsdorf, der seine Nichte Edith von Putteisen in die ver­rückte Filmgesellschaft einführt. Gwendolin verläßt (wieder ein­mal) ihren Cliff, weil sie die Zärt­lichkeiten, die er mit Louella aus­tauschte, mißverstanden hat.
Cliff verfällt in Hamlet, faselt „faul im Staate Dänemark" von „fragwürdigen Gestalten", läßt Gwen sterben und beerdigt an ih­rer Statt „Pennemätzchen", Gwens Double-Puppe. Hollywood trauert begeistert, und durch die Szenerie zieht singend „Der Löw ist tot" eine Jagdgesellschaft. Wer-mit-wem-Happy-End erforder­lich: Gwendolin kehrt zu Cliff zu­rück und kauft eine Ranch in der kalifornischen Bergwelt, Nichts Neues in Hollywood.
Das ist von Curt Goetz, doch! Und mit fallengelassenen Ge­scheitheiten gespickt, was die Auf­führung dieser drei Akte langen Turbulenzen, die mit Tempo ge­spielt werden müssen, nicht einfa­cher macht. Rasch hat Dieter E. Hülle inszeniert, rasch agieren und reagieren die Ensemblemitglieder. Jede und jeder ist im stummen Spiel so dabei, daß die Replik nicht auf sich warten läßt. Zu eng fast scheinen manchmal die Kurven, die die Schauspielerinnen und
Schauspieler im Dialog fahren. Aber die Pointen sitzen, ohne daß der Zuschauer merkt, daß sie an diese Stelle plaziert wurden. Ohne daß das Publikum je die dirigie­rende Hand des Regisseurs zu se­hen bekäme, ist da ständige Bewe­gung. In diesem Drunter und Drü­ber der Seelenzustände, der Eifersüchte und Rachegedanken, des Uberkandideltseins und Rechthabertums ist theaterliche Logik. Wen soll man herausheben? Sicher dieses Trio: Frithjof Künzel (Cliff), Dorothea Meert (Gwendolin) und Wolfgang Szy-manski (Robert), die sich mit die­ser hervorragenden schauspieleri­schen Leistung für Drei-Personen-Stücke geradezu aufgedrängt ha­ben. Armand Meert und Hartmut Kloppert lieferten als Davenport, respektive Dingelsdorf wahre Ka­binettstücke ab. Irmgard Gürtesch (Pütt) brachte etwas Valerie-von-Martenshaftes in den Theaterkel­ler. Gisela Benzing als kurzge­schürztes Mädchen im Hause Clif­ford, Carola Degen (Mary Puffing-ton) und Maritta Wurm (Louella), Norbert Adametz (Filmproduzent) und Thomas Stalzer (Charly) füg­ten sich in den immensen Schwung der Handlung ein. (Weitere Auf­führungen: 17., 18., 19., 23., 24., 25., 26. Februar). CLAUS PHILIPP
Eine Szene aus der gestrigen Premiere des Curt-Goetz-Stückes „Nichts Neues aus Hollywood" im Theaterkeller mit der VHS-Theatergruppe. Foto: Simon